Dies ist ein Auszug aus der Einleitung des bald erscheinenden Buches „Der edlde achtfache Pfad: Ein Arbeitsbuch.“
Diese Website gibt es, weil ich meine eigene Praxis vertiefen will. Seit bald 40 + Jahren verstehe ich mich als Buddhist. Die meisten Jahrzehnte war ich aus jetziger Sicht eher ein Sympathisant, der unterschiedliche „irgendwie ‘peacige’ und weise klingende“ Vorstellungen zu einem mentalen Bündel schnürte und das Etikett „Buddhismus“ dranhängte. Anfänglich waren meine Vorstellungen noch sehr von japanischer Bushido-Ästhetik geprägt. Mit der Entdeckung des „Zen-Kommissars“ in den Krimis des holländischen Autors Jan Willem van de Wetering lernte ich die absurden Koans der Rinzai-Zen-Schule kennen und hielt mich zeitweise nur einen Fingerbreit von der Erleuchtung entfernt. Ich hatte das Konzept der verrückten Weisheit mit Pubertät verwechselt.Dann machte ich Abitur und verließ die Schule Richtung 1990er Jahre.
Ist das Nirvana oder nur Ekstase?
Dieses Jahrzehnt war das letzte, in dem das Leben in erster Linie „offline“ stattgefunden hat. Ich betrat einen Schleudergang, in dem Hedonismus und Spiritualität, Party und Askese, Unschuld und Bahnhof Zoo in einem Rave verdichtet wurden, der für manche Jahre dauerte. Für den Preis einer „E“ konnte man für ein paar schlaflose Nächte das Nirvana erleben. Der Buddhismus hatte erstmal Sendepause. Da ich ein eher ängstlicher Typ bin, hatte ich immer schon sehr feine Antennen für, nun ja, Leiden. In erster Linie mein eigenes. Ich beschrieb damit, ohne es zu ahnen, die Erste Edle Wahrheit. Dukkha – das Unbefriedigendsein im Leben – war kein buddhistisches Konzept für mich, es war einfach mein Alltag. Auf „Aufs“ folgten „Abs“, Liebeskummer kam nach der Euphorie. Desorientiert wanderte ich von Nebenjob zu Nebenjob, den Bauch voller Nudeln mit Mayo und im Kopf die Gewissheit, dass ich 1. bald irgendwie reich sein werde; 2., dass es so nicht weiter geht und 3., dass das rettende Wochenende nur noch ein paar Tage entfernt ist.
Auf der Suche zwischen Kellern und Altären
Kurz vor den 2000ern lernte ich meine Frau kennen, fand einen Platz in einer Werbeagentur und baute mehr oder weniger zufällig eine Existenz auf, die sich mit ein bisschen Wohlwollen als „bürgerlich“ bezeichnen lässt. Wie bei 99 % aller, die „irgendwas mit Medien“ machen und dem Großteil der Gesamtbevölkerung ist sie natürlich prekär. Es kehrte aber genug Ruhe ein, dass sich mein innerer Kompass wieder an seiner ursprünglichen Kalibrierung ausrichtete: nach Osten. Ich trainierte in diversen Kung-Fu-Schulen, übte Tai-Chi und meditierte in stockschimmeligen Kellern, unter prächtigen, goldenen Altären und vor weißen Wänden. Mal hier, mal da und immer mal wieder in meinem Zimmer. Ich las, wie so oft, Bücher über den Buddhismus, die mich zustimmend nickend machten, aber nicht so berührten, dass ich die Sache wirklich ernst genommen habe.
Buddhistische Philosophie: Die Entdeckung des Überflusses
Ich schloss ein Studium der buddhistischen Philosophie am Tibetischen Zentrum Hamburg ab und entlarvte mich selbst, weil ich mich über den Begriff der „Philosophie“ wunderte. Was gab es zu „beschreibe den Klang der einen Hand“ noch hinzuzufügen? Worüber diskutieren, wenn eh alles Illusion (Genau! Sehr richtig!) ist? Und reicht es nicht, jemanden im vermeintlichen „Zenstyle“ einen Pantoffel auf den Kopf zu klatschen und zu kichern? Klar hatte ich auch schon von den „Vier edlen Wahrheiten“ gehört und vom „Edlen achtfachen Pfad“ – aber das ließ sich alles abkürzen: Klatschen, kichern und irgendwie „den Vibe fühlen“. Meine unartikulierte Meinung. Damals. Das Studium eröffnete mir eine Welt voller atemberaubender Konzepte wie der Leerheit und der Selbstlosigkeit; scharfsinniger Klassifizierungen wie „Rangtong“ und „Shentong“(zwei philosophische Schulen des tibetischen Buddhismus, die über die Natur der Wirklichkeit streiten: Ist die Leere selbst eine lichte, erkennende Qualität – oder einfach leer?); wirkungsvoller Denkfiguren wie das Raster der Fünf Skandhas, dass das „Ich“ in seine Bestandteile zerlegt und dabei niemanden findet.
Ich begann erstmals zu begreifen, dass „Buddhismus“ mehr ist als ein “Wohlfühlvibe” mit Räucherstäbchen, sondern ein prachtvolles Gebäude, dessen Räume mit unendlich kostbaren und eleganten Erkenntnissen ausgestattet sind, die Transzendenz und Impertinenz in den schillerndsten Facetten miteinander kombinieren.
Die Transzendenz: Den Himmel gibt es nur auf Erden. Die Zumutung: Du bist ein vom Strudel der anfangslosen Zeit zusammengewirbelter Funken, der nach einem Wimpernschlag wieder eine andere Form annehmen wird und du bist blöd genug, zu denken, dass dieser Funke ein ewig strahlender Stern ist. Ich meine mit „du“ nicht „dich“, sondern mich. Und damals hätte ich das Ganze auch nicht so formuliert. Damals tappte ich, den Blick auf Karteikarten gesenkt, durch dieses wundervolle Schloss und lernte Listen und Definitionen auswendig und konnte nicht genug kriegen. Das konnte nicht lange gut gehen und so dünnte meine Bindung zum „Dharma“ langsam aus.
Aus Alltag wird ein Weg
Meine Tochter wurde geboren. Ich gründete parallel meine Werbeagentur und hielt meine Familie mit Jobs über Wasser, die ich seit den 1990er Jahren nicht mehr machen wollte. Als der Boden wieder fester wurde, nahm ich einen erneuten Anlauf. Ich suchte mir ein Zentrum, wo ich ein Ngöndro machen konnte. Das ist eine Art „Vorschule“ für einen bestimmten Schulungsweg. Diesmal ging es tiefer. „Buddhismus“ verwandelte sich von einem kopflastigen Lippenbekenntnis zu einer inneren, gefühlten und intellektuell als richtig erkannten Überzeugung. Inwieweit das mit dem „Ngöndro“ zusammenhängt, weiß ich nicht. Ohne die 1990er wäre ich nicht Jahrzehnte später an vielen Wochenenden in jenem Tempel gelandet. Nur ein vollständig erleuchtetes Wesen weiß um alle Ursachen, die zu einem Resultat führen. Ich hingegen weiß, dass die Worte der tiefsinnigsten Lehren nur eine Ansammlung von Buchstaben bleiben, wenn sie nicht das Herz genauso wie den Intellekt berühren. Der Weg dorthin ist der edle achtfache Pfad. Das ist der Weg, auf dem ich Tag für Tag gehen möchte. Und ich freue mich, wenn wir diesen Weg zusammengehen können.
Für dich (und mich) entwickle ich gerade das Arbeitsbuch und pflege diese Website.